Bender Baskets: Defense ist eine Sache des Stolzes

(gae) Aleksandra Kojic hat viel erlebt in ihrem 30-jährigen Wirken im Basketball – als Spielerin und Trainerin.
Seit rund einem Jahr coacht sie den Frauen-Zweitligisten Bender Baskets Grünberg. AleksandraKojic
Für die 46-jährige gebürtige Belgraderin ist die Weiterentwicklung von Spielerinnen nicht alles,
sie versucht auch, Werte zu vermitteln.

Was Gesundes beim Interview: Basketball-Trainerin Aleksandra Kojic genießt einen Tee mit frischer Minze und Ingwer.

Wenn Aleksandra Kojic über Basketball redet, erkennt man die pure Leidenschaft über diesen Sport in ihren Augen. Die 46-Jährige hat schon einige Stationen hinter sich – erst als Profispielerin, später als Trainerin in der Frauen-Bundesliga und im weiblichen Bereich beim Deutschen Basketball-Bund. Seit 2013 ist sie als hauptamtliche Trainerin beim Basketball-Teil- und Vollzeitinternat in Grünberg tätig, Ende 2014 übernahm sie den ortsansässigen Frauen-Zweitligisten Bender Baskets. Die U20-Bundestrainerin gilt als Verfechterin der Nachwuchsförderungs-Philosophie.

Sie haben ein basketballfreies Wochenende hinter sich. Wie haben Sie es genutzt?

Aleksandra Kojic: Ich war auf Langeoog. Das ist meine Lieblingsinsel. Damals, als ich in Dorsten Bundesliga-Trainerin war, habe ich das als Auszeitinsel für mich entdeckt. Und ich brauchte dringend eine Auszeit. Zu Hause kann ich das nicht. Da fällt es mir schwer, weil die Arbeit immer präsent ist.

Mit drei Siegen aus zehn Spielen liegen Sie mit Ihrem Team im Elferfeld auf Rang neun. Sind Sie damit für sich im Soll?

Kojic: Für mich nicht. Aber als Klub schon, weil unser Ziel ist, mit dieser Mannschaft nicht abzusteigen. Aber ich bin nicht zufrieden, weil wir mindestens zwei Spiele mehr hätten
gewinnen können. Wir hatten das Spiel in Berlin durch eine wirklich krasse Schiedsrichterfehlentscheidung verloren. Dann haben wir die Partie gegen Braunschweig unnötig verloren und letztens das Match gegen Wuppertal. Es sind sicherlich zwei, drei Siege mehr eingeplant gewesen, dazu hätten wir aber unsere Normalleistung abrufen müssen. Das haben wir nicht getan.

Und wie sehen Sie die Liga insgesamt?

Kojic: Über die bin ich überhaupt nicht amüsiert. Ich finde die Tendenz, so viele ausländische Spielerinnen dort zu engagieren, nicht gut – vor allem in meiner Funktion als U20-Nationaltrainerin. Ich sehe unsere deutschen Spielerinnen überhaupt nicht spielen. Das ärgert mich, und ich glaube auch nicht, dass es dem Frauen-Basketball guttut.

Was zeichnet Ihre Mannschaft aus, und was ist verbesserungswürdig?

Kojic: Begeisterungsfähigkeit zeichnet sie aus. Sie wollen besser werden und versuchen, die konzeptionellen Dinge mit hoher Intensität umzusetzen. Es gibt aber eine Sache, die ich nicht verändern kann. Das ist das Alter. Die Spielerinnen sind einfach jung und dadurch sehr unerfahren. Bei uns in der Ersten ist Luana Rodefeld, die im Dezember 18 wird, Laura Zdravevska, Kira Barra oder Annemarie Potratz. Ich finde es aber gut, dass wir mit jungen Leuten spielen. Das sind wirklich Kinder im Vergleich zu den anderen Teams. Aufgrund ihrer mangelnden Erfahrungen und ihrer Jugend haben sie noch nicht so oft konzeptionell gespielt. Da stoßen sie zuweilen an ihre Grenzen, aber versuchen auch, diese Grenzen zu durchbrechen. Das finde ich toll.

Können Sie denn Ihre Basketballphilosophie auf die Mannschaft transferieren?

Bender Baskets: Defense ist eine Sache des Stolzes
Kojic: Ja, zum Teil schon. Meine Mannschaften haben immer schnell gespielt. Das fehlt mir teilweise, weil die Mädels noch nicht in der Lage sind, das über 40 Minuten zu machen. Das kommt auch daher, weil viele von ihnen in den alten Mustern sind oder dass sie denken, sie müssten sich ein bisschen schonen, weil sie lange spielen wollen. Das geht natürlich nicht. Das breche ich auf.

Und in der Verteidigung?

Kojic: Wir spielen einmal die Verteidigung, in der du individuell die Gegenspielerin stoppen musst, aber das muss auch im Gesamten greifen, damit am Ende eine gute Teamdefense rauskommt. Diesbezüglich sind wir auf einem guten Weg. Was ich mir wünsche, ist bedingungslose Hingabe – und das wissen alle, die mich als Spielerin gekannt haben. Nicht umsonst war mein Spitzname in Marburg der ›Löwe vom Balkan».

Das hört sich gefährlich an.

Kojic: Für mich ist in der Defensive Eins-gegen-eins eine Sache des Stolzes. Das soll jetzt nicht falsch aufgefasst werden, weil Stolz in Deutschland immer so negativ definiert ist. Es geht darum, einen Gegenspieler zu stoppen, und man darf nicht denken, das ist mir jetzt egal, das macht schon der nächste. Es ist mir im Training nicht egal, wenn man einen Liniensprint macht und dabei die Linie nicht berührt. Das machen meine Spielerinnen nicht mehr. Das haben sie einmal gemacht – und dann wussten sie, dass das nie wieder passieren wird. Das ist auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Tendenzen. Da versuche ich, entgegenzuwirken. Denn es geht auch um Vertrauen, es geht um Loyalität, es geht darum, für andere da zu sein. Das ist das, was ich auch beibringen will. Diese Werte kann man vermitteln. Und ich lebe diese Werte und hoffe, dass meine Spielerinnen zumindest einen Teil davon mitleben. Es geht nicht darum, Werte aufzuzwingen, sondern sie zu erklären, warum sie wichtig in der Gesellschaft sind.

Welche Talente haben Sie in Grünberg im Fokus, die den Sprung in den Profisport und mittelfristig auch in die deutsche Nationalmannschaft schaffen könnten?

Kojic: Wir sprechen von den Bender Baskets. Die nächste, die in die Bundesliga kommen wird, ist Luana Rodefeld. Sie ist in Marburg schon im Bundesliga-Kader und trainiert dort zweimal in der Woche mit. Und wer es von den Jüngeren wirklich schaffen könnte, sind Paula und Charlotte Kohl. Die beiden sind außergewöhnliche Talente mit einem sehr guten familiären Hintergrund. Die Eltern haben Basketball gespielt – sie wissen, wie Leistungssport funktioniert. Zusätzlich kommt dazu, dass beide schlaue Mädchen sind. Paula ist bei uns im Internat. Sie lebt zu Hause, aber geht bei uns zur Schule. Das ist eine Spielerin, bei der man sagen könnte, dass das Mädchen einmal nationale Spitze wird. Aber man weiß bei Frauen ja nie.

Wie meinen Sie das?

Kojic: Man muss dazu sagen, dass das Standing des Frauen-Basketballs in Deutschland nach wie vor schlecht ist. Die Spielerinnen sind meist keine Profis. Und wenn sie es sind, verdienen sie nicht viel Geld. Wir haben genug Mädchen, die es vielleicht nie in die Bundesliga schaffen werden oder es in die zweite Bundesliga als Rollenspielerin schaffen, aber die sind genauso förderungswürdig. Wir sind in Grünberg im Basketball-Internat dafür da, die Top-Talente zu fördern, aber auch, um die Mädchen zu fördern, die irgendwann mal Bundesliga spielen werden, ohne dass sie den Adler auf der Brust haben.

Haben Sie Basketball nicht manchmal einfach satt?

Kojic: Ja, das ist normal. Jeder von uns, der viel arbeitet, hat Momente, in denen er sagt, ich bin jetzt müde und brauche einen freien Kopf. Die Auszeiten früher waren kürzer. Da ging es um ein paar Stunden. Heute muss ich auch dem Trainingsalter Tribut zollen. Ich bin 46. Ich bin nicht alt, aber ich bin als Trainer schon lange dabei. Ich liebe den Sport nach wie vor. So lange meine Gesundheit mitmacht, mache ich weiter.

Wie regenerieren Sie?

Kojic: Mit Freunden viel machen, Theater, Oper. Aber ich habe mir auch immer meine Auszeiten genommen. Ich war in Nepal. Ich habe als Kind damals in Jugoslawien in den frühen 80ern eine Reportage über Tibet und Nepal gesehen. Da habe ich meiner Schwester gesagt, da will ich mal hin. Das war natürlich für mich damals utopisch. Als mir dann 2013 in Marburg gekündigt wurde, habe ich mir überlegt, welchen Traum ich mir erfüllen möchte. Die erste Option war Nepal. Da habe ich meine Sachen gepackt und den Traum verwirklicht. Dort unterstütze ich ein Kinderdorf.

Sind Sie dann alleine unterwegs?

Kojic: Ich mache das alles immer alleine, weil ich da zur Besinnung komme. Ich bin auch ein passionierter Wanderer und den Jakobsweg gelaufen, 860 Kilometer – alleine.

Was hat Sie als Spielerin ausgezeichnet?

Kojic: Ich habe mit allen Mitteln versucht, Spiele zu gewinnen. Als Spielerin war ich unausstehlich. Mich hat immer geärgert, wenn Spielerinnen keine Einstellung hatten. Ich war in fast allen Mannschaften Käpt’n. Ich habe meinen Mund aufgemacht, um meine Mitspielerinnen und mich zu vertreten. Ich war sehr emotional, teilweise zu emotional. Das ist auch ein bisschen diese Jugo-Mentalität. Manchmal schieße ich über das Ziel hinaus, auch heutzutage noch. Das tut mir dann im Nachhinein auch leid. Aber im Eifer des Gefechts ist bei mir das Blut in Wallung, denn es geht darum, das Spiel zu gewinnen, nie jemandem wehzutun. Ich war immer zuverlässig als Spielerin. Meine Trainer und meine Mitspielerinnen konnten sich immer auf mich verlassen. Ich war ein Arbeiter, so wie in einem Bienenstock. Das habe ich mit Würde gemacht.

Gab es was Kurioses in Ihrer Karriere?

Kojic: Eine lustige Sache als Spielerin aus der Saison 1997/98. Da haben wir mit Marburg im Pokal in in Chemnitz gespielt, und fast alle hatten sich rausgefoult. Wir standen nur noch zu zweit auf dem Feld. Kirstin war eine junge Spielerin. Die war aufgeregt und hat angefangen, zu heulen. Ich habe ihr gesagt, dass sie damit aufhören solle und wir das jetzt hier machen würden. Sie hat den Ball zu mir eingeworfen, und die Chemnitzer waren so konsterniert, die wussten nicht, was sie machen sollten. Irgendwie haben wir das hingekriegt und gewonnen. Auf dem Weg dahin hatten wir noch einen Autounfall. Es hat alles nicht gepasst, bis auf das gewonnene Spiel mit zwei Frauen.

 

Kojic: Gesundheit, weil ich durch den jahrelangen Leistungssport enorme Probleme mit dem Rücken habe. Und in der Flüchtlingsproblematik – ich komme aus einem Land, das Krieg hinter sich hat – wünsche ich mir, dass die Leute ihre Herzen öffnen und das nicht alles so problematisch sehen. Im Basketball wünsche ich mir, dass wir weit genug von den Abstiegsplätzen wegbleiben. Die Mädels werden das auch machen. Da habe ich keine Zweifel.